Losnächte in der Adventszeit

Andreasnacht:

Die Nacht vor dem 30. November nennt man auch Andreasnacht, sie ist eine Losnacht, dem Apostel Andreas geweiht. Er war Schutzpatron der Liebenden, weshalb sich in dieser Nacht sich mancherlei Liebesorakel anstellen lässt. Vor allem unverheiratete, heiratswillige Junge Frauen nutzten sie um einen Blick in ihre Zukunft zu werfen.

In einigen Gegenden liefen die Kinder Heischegänge, von Haus zu Haus um Gaben zu erbitten:

Ich bin der kleine Andreas, / liebe Leute, gebt mir was. / Gebt mir nicht zu wenig, / ich bin ein kleiner König! /Laßt mich nicht zu lange steh’n, / ich muß ein Häuschen weitergeh’n

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Die Brüder Grimm schrieben dazu folgendes:

"Es ist Glaube, daß ein Mädchen in der Andreasnacht, Thomasnacht, Christnacht und Neujahrsnacht seinen zukünftigen Liebsten einladen und sehen kann. Es muß einen Tisch für zwei decken, es dürfen aber keine Gabeln dabei sein. Was der Liebhaber beim Weggehen zurückläßt, muß sorgfältig aufgehoben werden, er kommt dann zu derjenigen, die es besitzt, und liebt sie heftig. Es darf ihm aber nie wieder zu Gesicht kommen, weil er sonst der Qual gedenkt, die er in jener Nacht von übermenschlicher Gewalt gelitten, und er des Zaubers sich bewußt wird, wodurch großes Unglück entsteht.

Ein schönes Mädchen in Österreich begehrte einmal um Mitternacht, unter den nötigen Gebräuchen, seinen Liebsten zu sehen, worauf ein Schuster mit einem Dolche dahertrat, ihr denselben zuwarf und schnell wieder verschwand. Sie hob den nach ihr geworfenen Dolch auf und schloß ihn in eine Truhe. Bald kam der Schuster und hielt um sie an. Etliche Jahre nach ihrer Verheiratung ging sie einstmals sonntags, als die Vesper vorbei war, zu ihrer Truhe, etwas hervorzusuchen, das sie folgenden Tag zur Arbeit vornehmen wollte. Als sie die Truhe geöffnet, kommt ihr Mann zu ihr und will hineinschauen; sie hält ihn ab, aber er stößt sie mit Gewalt weg, sieht in die Truhe und erblickt seinen verlornen Dolch. Alsbald ergreift er ihn und begehrt kurz zu wissen, wie sie solchen bekommen, weil er ihn zu einer gewissen Zeit verloren hätte. Sie weiß in der Bestürzung und Angst sich auf keine Ausrede zu besinnen, sondern bekennet frei, es sei derselbe Dolch, den er ihr in jener Nacht hinterlassen, wo sie ihn zu sehen begehrt. Da ergrimmte der Mann und sprach mit einem fürchterlichen Fluch: »Hur! So bist du die Dirne, die mich in jener Nacht so unmenschlich geängstiget hat!« und stößt ihr damit den Dolch mitten durchs Herz.

Diese Sage wird an verschiedenen Orten von andern Menschen erzählt. Mündlich: Von einem Jäger, der seinen Hirschfänger zurückläßt; in dem ersten Wochenbett schickt ihn die Frau über ihren Kasten, Weißzeug zu holen, und denkt nicht, daß dort das Zaubergerät liegt, das er findet und womit er sie tötet."

aus: "Deutsche Sagen. Zwei Bände in einem Band" von  Jacob und Wilhelm Grimm Nr.: 115

Bild: (c) Astrid Heiland-Vondruska aufgenommen am 29.11.2020