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Astrid Heiland-Vondruska

0179/777 2004

14163 Berlin





Märchen: der Alte, der die Kirschbäume zum blühen brachte

oder: "Der neidische Nachbar." ein Märchen aus Japan

 

Vor langen, langen Jahren lebte in einem Dorfe ein altes Ehepaar. Sie waren stets ehrlich und brav gewesen, und da ihnen die Götter das Glück, Kinder zu haben, versagt hatten, so schenkten sie ihre Liebe einem kleinen Hündchen, das sie besaßen. Sie hätschelten und pflegten das Thierchen, als ob es ihr Kind wäre, und der Hund war dafür so dankbar und treu, daß er sich keinen Augenblick von ihnen trennte und stets mit ihnen lief, wenn sie Geschäfte außer dem Hause besorgten. Eines Tages arbeitete der Mann fleißig in seinem Garten, und als er die schwere Hacke für eine Weile ruhen ließ und sich den Schweiß von der Stirne wischte, sah er, wie das Hündchen an einer bestimmten Stelle aus dem Rasen schnupperte und kratzte. Der Mann hatte indessen Anfangs kein Arg daraus und wollte schon seine Arbeit von Neuem beginnen, als der Hund laut bellend auf ihn zulief und dann ebenso freudig bellend zu der Stelle zurückkehrte und eifrig kratzte. Dies that er zu wiederholten Malen, so daß der Mann endlich die Hacke nahm und sich auf den Platz begab, den der Hund ihm bezeichnete. Bellend tanzte nun der Hund vor ihm her und freute sich offenbar darüber so sehr, daß der Mann nebst seiner Frau, welche dazu gekommen war, herzlich über ihn lachte. Der Mann that nun mit der Hacke ein paar tüchtige Schläge in die Erde, und – siehe da! – es währte nicht lange, so klang es hell unter dem Stahl der Hacke, und ein großer Schatz von alten, glänzenden Goldmünzen kam zum Vorschein. Mit Hülfe der Frau wurde der Schatz gehoben und sicher nach Hause getragen. Nun waren die alten guten Leute mit einem Male wohlhabend, und wenn sie schon früher den Hund gut gehalten hatten, so thaten sie dies jetzt erst recht. Er bekam stets das beste Essen, und sie bereiteten ihm ein so reiches und schönes Lager, daß es ein Prinz sich nicht hätte besser wünschen können.

Die Geschichte von der Auffindung des Schatzes durch den Hund wurde indessen ruchbar, und ein neidischer Nachbar der alten Leute wurde davon so aufgeregt, daß er nicht essen noch trinken noch auch schlafen konnte. Stets dachte er an die Geschichte, und der bitterste Neid verzehrte ihn. Endlich dachte er, daß der Hund doch wohl die Gabe haben müsse, alle Schätze der Welt aufzuspüren, und deshalb kam er schmeichelnd zu den alten Leuten und bat sie, ihm doch ihr Hündchen für kurze Zeit zu borgen. »Wohin denkst du?« sprach der alte Mann; »wir können den Hund nicht entbehren, wir haben ihn viel zu lieb und können uns keine Stunde von ihm trennen.« Doch der neidische Nachbar ließ nicht nach und kam täglich mit derselben Bitte, und da die guten alten Leute Niemand eine Bitte abschlagen konnten, so ließen sie sich endlich erweichen und überließen ihr Hündchen dem Nachbar. Eines Tages nun, als dieser den Hund in den Garten laufen ließ, stand er still, schnupperte auf dem Boden umher und fing richtig zu kratzen an. Hoch erfreut lief der Nachbar herzu, seine Frau brachte rasch eine Hacke, und dann gruben beide gierig nach dem vermeintlichen Schatze. Aber was fanden sie? Eitel Unrat und Todtengebein, und das stank so abscheulich, daß sie sich die Nase zuhalten mußten. Da waren sie voller Wuth, daß der Hund, den sie doch auch sehr gut verpflegt hatten, sie so arg betrogen hatte. Der Mann war darüber so aufgebracht, daß er auf der Stelle das arme Thierchen todtschlug. Dann aber klagte der Heuchler laut und kam jammernd zu dem Besitzer des Hundes, um nicht als Mörder desselben in Verdacht zu kommen. »Euer Hund,« sprach er, »den ich so gut gefüttert habe, ist plötzlich gestorben, und Niemand weiß, wie dies hat geschehen können; ich kann nicht dafür und bringe euch sofort die Nachricht – er ist eben verschieden.«

Trauernd trug der gute Alte die Leiche seines Lieblings zu der Stelle, wo der Schatz gefunden war. Er begrub ihn dort unter einer alten Fichte und klagte vom Morgen bis in die Nacht über den Verlust des treuen Thieres. Doch einstmals, als er Nachts auf seiner Decke lag und fest schlief, da erschien ihm der Hund im Traum und sagte ihm, er möge den Baum, unter dem er selber begraben liege, fällen und einen Reismörser daraus machen, der würde ihn trösten. Der Mann, der den schönen Baum nicht gern umhauen wollte, erzählte seiner Frau den Traum und fragte sie, was er thun solle. Die Frau aber rieth ihm dringend, den Rath des Hundes zu befolgen, und so ward der Baum gefällt, und aus seinem Stamme ward ein schöner, großer Reismörser angefertigt. Als die Zeit der Reisernte gekommen war, da sollte der neue Mörser gebraucht werden, und als der Mann die Körner, die geschält werden sollten, hineingethan hatte und anfing zu stoßen, da – o Wunder – kamen statt der weißen Reiskörner lauter blanke Goldstücke zum Vorschein. Nun war die Freude groß, und die alten Leute waren tief gerührt über die Treue ihres Hündchens, die sich noch nach dem Tode bewährte.

Aber wiederum hörte der neidische Nachbar von der Geschichte, und als er herausgefunden, daß sie auf Wahrheit beruhte, da ging er abermals zu den alten Leuten und bat und flehte heuchlerisch, sie möchten ihm doch den Mörser borgen. Der gute Alte gab ihn nur sehr ungern her, aber was wollte er machen? Erschien es nicht gar zu ungefällig, wenn er die Bitte des Nachbarn abschlug?

Als der Neidische nun den Mörser im Hause hatte, heißa, da ging es daran, Reiskörner zu schälen. Mann und Weib schleppten die Ballen herbei und gedachten eine große, unermeßliche Ernte an Goldstücken zu halten. Aber wiederum ward ihre Habgier arg bestraft, denn statt des Goldes zeigte sich nicht einmal Reis, nein, da kam der ekelhafteste stinkende Unrath zu Tage. Und abermals wurden die beiden schlechten Menschen, die ihrem Nachbar kein Glück gönnten, so böse und ergrimmt, daß sie ohne sich zu besinnen den Mörser in kleine Holzsplittern zerhackten und ihn verbrannten.

Die guten alten Leute waren natürlich sehr betrübt, als sie kamen, um sich den werthvollen Mörser zurück zu erbitten, und den Sachverhalt erfuhren, der ihnen nicht vorenthalten wurde Klagend legten sie sich Abends zur Ruhe. Aber im Traume erschien dem alten Manne abermals sein liebes Hündchen, das ihn tröstete und ihm sagte, er möge nur zu dem neidischen Nachbar gehen und sich die Asche von dem verbrannten Mörser Holen. Mit dieser Asche möge er auf die Landstraße gehen, und wenn der Daimio, der Landesfürst, vorüber reise, so möge er auf die Kirschbäume klettern und dieselben mit der Asche bestreuen; dann würden sie alsogleich über und über blühen.

Das war ein merkwürdiger Traum. Der alte Mann ging daher sogleich am Morgen zu seinem Nachbar und bekam auch Asche von seinem verbrannten Mörser vollauf. Diese that er nun in einen Beutel und ging damit auf die Landstraße. Alle Kirschbäume waren noch kahl – es war die Zeit, wo die Kunstgärtner für vieles Geld kleine Kirschbäume in Töpfen verkaufen, um den Leuten den Genuß der hochverehrten Kirschblüthe Winters im Zimmer zu verschaffen, doch draußen gab es weit und breit keine Kirschblume; dazu war es viel zu früh im Jahre, man konnte darauf getrost noch einen Monat warten. Als der alte Mann an der Landstraße angekommen war, da sah er in einiger Entfernung den Zug des Daimio herannahen. Der Fürst kam in voller Pracht und mit großem Gefolge. Alle Menschen, die des Weges kamen, warfen sich pflichtschuldigst zu Boden, um dem Herrn der Provinz ihre Ehrfurcht zu beweisen, und als der alte Mann dies nicht that, sondern vor des Daimio Augen flink auf einen Baum kletterte, da wurde der Fürst zornig und befahl den Mann zu ergreifen, der so der guten Sitte Hohn spreche. Doch der alte Mann ließ sich nicht verblüffen, griff mit der Hand in seinen Sack und bestreuete rings umher die Bäume mit der feinen Asche. Im Nu standen alle Kirschbäume in voller Blüthe, und der Fürst war darüber so erfreut, daß er den alten Mann reich beschenkte und ihn nach seiner Rückkehr in sein Schloß bescheiden ließ, wo er hoch geehrt wurde.

Dies alles erfuhr ebenfalls der neidische Nachbar, und wieder ließ ihm die Habgier und Mißgunst keine Ruhe. Deshalb sammelte er sorgfältig alle die Asche, welche noch von dem verbrannten Mörser da war, und machte sich mit dieser auf den Weg, um dem Daimio dieselbe Vorstellung zum Besten zu geben, mit der sein Nachbar so viel Glück gehabt hatte. Als er den Zug des Daimio herankommen sah, als er die vielen Reiter und Fußgänger, die reich geschmückten Kagos des Fürsten erblickte, da hüpfte sein Herz vor Freude, wenn er an die Ehre dachte, die ihm bevorstand. Deshalb griff er mit beiden Fäusten in seinen Aschenbeutel, und just als der Zug unter dem Baume vorüber kam, auf dem er saß, da streute er plump die feine Asche aus. Aber diesmal trieb kein einziger Baum Knospen und keine Blüthe zeigte sich; die Asche aber flog dem vorüberziehenden Daimio in die Augen und den reichgeschmückten Kriegern ins Gesicht und auf die prächtigen Gewänder. Im höchsten Grade aufgebracht, holten sie den Uebelthäter vom Baume herunter und prügelten ihn tüchtig durch; dann banden sie ihn und warfen ihn ins Gefängniß, in dem er lange Zeit schmachten mußte. Als er wieder frei kam, da hatten die Leute in seinem Dorfe alle seine Bosheit erfahren und wollten nichts, durchaus gar nichts mehr mit ihm zu thun haben, und so nahm er schließlich ein klägliches Ende.

Die guten alten Leute aber, die ihren lieben Hund, durch den sie reich und glücklich geworden waren, in treuem Andenken behielten, lebten bis an ihren Tod froh und zufrieden.

 

Quelle: Nach David Brauns, Japanische Märchen und Sagen. 1885

Vom Clauricaun

Die kleinen Schuh

Aus:  Irische Elfenmärchen 1824 vom Thomas Crofton Croker: übersetzt von den Brüdern Grimm 1826

»Nun sagt mir, Marie,« sprach Herr Cote zu Marie Cogan, als er ihr eines Tages auf der Straße, gerade auf dem alten Thorweg von Kilmallock begegnete, »habt Ihr je etwas von einem Cluricaun gehört?«

»Von einem Cluricaun? das mein' ich und mehr als einmal; wie oft habe ich meinen Vater, Ruhe seiner Seele! davon erzählen hören, eine Geschichte nach der andern.«

»Aber habt Ihr selbst niemals einen gesehen, Marie?«

»Nein, ich selbst mein Lebtag nicht; aber mein Großvater, meines Vaters Vater, ja der hat einmal einen gesehen, sogar in den Händen gehabt.«

»In den Händen gehabt! ei, Marie, das müßt Ihr mir erzählen.«

»Gerne will ich das thun. Seht, mein Großvater war draußen im Moor gewesen, hatte Torf heimgefahren und der arme, alte Gaul war von seinem Tagewerk müde und der alte Mann war hinaus in den Stall gegangen, um nach ihm zu sehen, ob er sein Futter gefressen habe. Und als er zu der Stallthür kam, hörte er etwas hämmern und hämmern, ganz genau so, als wenn ein Schuster Schuhe macht und dabei ein so hübsches Liedchen pfeifen, wie er sein Lebtag noch keines gehört hatte. Mein Großvater, der dachte gleich, das ist ein Cluricaun und sprach zu sich selbst und sagte: »wenn's geht, so fange ich ihn und dann habe ich Geld genug, so lange ich lebe.« Er öffnete die Thüre sachte, sachte, und machte nicht so viel Lärm, als eine Katze, die nach der Maus schleicht; er schaute sich überall um, es war aber von dem kleinen Männchen nichts zu sehen und doch hörte er, wie es hämmerte und pfiff. Da schaute er und schaute, bis er endlich den kleinen Gesellen sah und denkt, er saß in der Gurt unter der Stute. Er hatte in kleines Schürzfell um, den Hammer in der Hand und eine kleine rothe Nachtmütze auf dem Kopf und machte Schuhe. Er war so mit seiner Arbeit beschäftigt, hämmerte und pfiff so laut, daß er meinen Großvater gar nicht merkte, bis ihn dieser fest mit der Hand packte. Jetzt habe ich Euch, rief er, und ich sage Euch, ich lasse Euch nicht eher los, als bis ich euern Geldbeutel habe, der ist jetzt mein, nur gleich heraus damit. Halt, halt! sagte der Cluricaun, ich will ihn holen. Mein Großvater, denkt Euch, ist so ein Narr und öffnet seine Hand ein wenig und der Kleine hüpft lachend fort, und er sah ihn niemals wieder, noch weniger etwas von dem Geldbeutel; nur den kleinen Schuh, an dem er arbeitete, hatte der Cluricaun zurückgelassen. Mein Großvater war über sich selbst ärgerlich genug, daß er ihn hatte entschlüpfen lassen; den Schuh behielt er, so lange er lebte und meine eigene Mutter hat mir erzählt, daß sie ihn oft genug gesehen und in der Hand gehabt, und daß es der niedlichste Schuh gewesen, den ihre Augen jemals erblickt hätten.

»Und habt Ihr ihn auch gesehen, Marie?«

»Lieber Himmel, nein, das war lange, ehe ich auf die Welt kam, doch meine Mutter hat mir oft genug davon erzählt.«


Als die Brüder Grimm die Sammlung der Irischen Elfenmärchen von Croker ins deutsche übertrugen, stellten sie ein Vorwort mit einer Erklärung der irischen Geister vorne an. zum Claurcaun heißt es:

 

"Der Cluricaun (the Cluricaune)

In dieser Eigenschaft unterscheidet sich der Elfe wesentlich von dem Shefro durch sein einsames und täppisches Wesen: man findet den Cluricaun niemals in Gesellschaft, sondern immer für sich allein. Er ist viel körperlicher und zeigt sich am Tag als ein kleines, altes Männchen mit verschrumpftem Gesicht in altmodischer Tracht. Auf seinem erbsenfarbigen Rock sind große Knöpfe, so wie er an großen Metallschnallen auf seinen Schuhen besonders Wohlgefallen zu haben scheint. Einen Hut trägt er auch, aber einen dreieckigen, altfränkisch aufgekrämpten. Man haßt ihn seines boshaften Wesens wegen und sein Name wird als Ausdruck der Verachtung gebraucht. Man bemüht sich seiner Herr zu werden und droht ihm gern; manchmal gelingt es ihn zu überlisten, manchmal ist er verschmitzter und betrügt den Menschen. Er beschäftigt sich mit der Verfertigung von Schuhen und pfeift ein Lied dazu. Wenn ihn der Mensch dabei überrascht, so ist er zwar voll Furcht vor dessen überlegener Stärke, aber mit der Kraft begabt zu verschwinden, wenn es ihm durch List gelingt es dahin zu bringen, daß der Mensch auch nur auf einen Blick die Augen von ihm abwendet.

 

Der Cluricaun besitzt Kenntniß (»während der Unruhen«) vergrabener Schätze, entdeckt sie aber nicht eher, als bis er sich aufs höchste gedrängt sieht. Oft hilft er sich noch, wenn der Mensch schon glaubt, ihn ganz in der Gewalt zu haben. Eine gewöhnliche List besteht darin, daß er das Merkmal, wo der Schatz liegt, sey es Strauch, Distel, Stein, Zweig, unendlich vervielfältigt, damit es dem Menschen, der ein Werkzeug herbeigeholt hat, die Erde aufzugraben, nicht weiter als Unterscheidungszeichen dienen kann. Der Cluricaun hat einen kleinen ledernen Beutel mit einem Schilling, welchen er, so oft er auch damit zahlt, immer wieder findet und welcher der Glücksschilling (Sprè na Skillenagh) heißt. Manchmal[13] hat er zwei Beutel bei sich, der eine enthält den Wunderpfennig, der andere eine Kupfermünze, und wird er gezwungen, herauszurücken, so reicht er hinterlistig den letztern, dessen Gewicht befriedigend ist, während er bei Untersuchung des Inhalts, wenn das menschliche Auge sich von ihm abwendet, verschwindet.

 

Sein Vergnügen besteht im Rauchen und Trinken. Er kennt das Geheimniß, das die Dänen sollen nach Irland gebracht haben, Bier aus Heide zu brauen. Kleine Tabackspfeifen von alter Form, die man beim Graben oder Pflügen häufig in Irland findet, besonders in der Nähe jener runden Verschanzungen, dänische Festungen genannt, glaubt man, gehörten den Cluricaunen; und findet man sie zerbrochen oder sonst auf eine Art verstümmelt, so betrachtet man das als eine Art Vergeltung für die Streiche, die ihre angeblichen Eigenthümer sollen gespielt haben.4

 

Der Cluricaun zeigt sich aber auch in Verbindung mit den Menschen und gehört dann einer Familie an, mit der er aushält, so lange ein Glied davon lebt, die aber gleichfalls seiner nicht los werden kann. Bei aller Neigung zu boshaften Streichen und Neckereien pflegt er vor dem Hausherrn eine gewisse Achtung zu hegen und ihn mit Rücksicht zu behandeln. Er leistet hilfreiche Hand, verhütet heimliche Unglücksfälle, wird aber im höchsten Grade zornig und aufgebracht, wenn man ihn vergessen und die ihm gebührende Speise nicht an den bestimmten Ort gesetzt hat."

 

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